Postwachstum und Degrowth


„Degrowth“ bezeichnet eine Verringerung von Konsum und Produktion und damit auch des BIPs als ein Weg zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und Wohlbefinden.

Degrowth bezeichnet ein Gesundschrumpfen der Wirtschaft, da die Menschheit bereits über ihre Verhältnisse lebe und ökologische Systeme überstrapaziert. Durch die begrenzte Belastbarkeit von Ökosystemen und der Verfügbarkeit von natürlichen Ressourcen wäre ein Wachstumsrückgang unausweichlich (siehe die Beiträge über „Wachstumsschwäche“ und „Warum Wachstum problematisch ist“. Degrowth-Advokaten stellen daher nicht die Frage ob sondern wie der bevorstehende Wachstumsrückgang gestaltet werden kann um einen gesellschaftlichen und ökologischen Kollaps zu verhindern. Weniger Konsum sei aber nicht gleichbedeutend mit weniger Lebensqualität, ganz im Gegenteil. Das Wohlbefinden der Menschen könne sogar erhöht werden, indem überflüssige Aufgaben und Arbeitsstress wegfallen und sich Menschen vom materiellen Überfluss befreien.

"Die Degrowth-Idee entspringt der wachstumskritischen Debatte. Wirtschaftswachstum wird als Problem eingestuft und nicht als Lösungsweg für soziale und ökologische Probleme. Technologische Innovationen und die Steigerung von Ressourcen- und Energieeffizienz (siehe „ökologische Modernisierung“) würden nicht ausreichen, weil Rebound-Effekte auftreten, die die Produktion und den Konsum steigern und somit zu noch mehr Umweltverbrauch führen. Degrowth richtet sich in seiner Kritik gegen die neoliberale ökonomische Theorie und Praxis auch gegen das Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Jede Form von zusätzlichem Wirtschaftswachstum, sei es nachhaltiger, grüner oder sozialer, legitimiere die Fortführung des Status Quo und lenke vom Widerspruch ab, dass BIP-Wachstum und eine Renaturierung auf ein nachhaltiges Niveau nicht miteinander vereinbar sind. 

Die Vision einer Degrowth-Gesellschaft beinhaltet eine Relokalisierung der Wirtschaft, die gerechtere Verteilung von Einkommen und Ressourcen, neue demokratischere Institutionen, Suffizienz, und soziale und technische Innovationen, die ein konviviales und frugales Leben fördern. Wohlbefinden speist sich in dieser Vision aus vielen nicht konsumabhängigen Dingen – Räume für soziale Interaktionen, mehr Zeit mit Freunden und der Familie, mehr Einfachheit im Leben, Nachbarschaftshilfe, die gerechtere Verteilung von Arbeit und weniger materieller Konsum.

Als Begründer der „degrowth“ Bewegung gilt der Serge Latouche, der den Begriff „décroissance“ prägte und damit eine zivilgesellschaftliche Bewegung begründete. Die erste internationale Konferenz 2008 in Paris, die den englischen Begriff „degrowth“ wesentlich prägte, markiert den Beginn der aktuellen akademischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Seither fanden weitere internationale Konferenzen 2010 in Barcelona und 2012 in Venedig statt. Die Degrowth-Bewegung ist besonders aktiv in Frankreich, Spanien („decrecimiento“) und Italien (“decrescita“), in Deutschland unter dem Begriff „Post-Wachstum“. Eine teilweise Institutionalisierung erfährt die Bewegung durch „Research & Degrowth (R&D)“, eine akademische Vereinigung, die rund um das Thema Degrowth forscht, Bewusstsein schafft und Veranstaltungen organisiert. Ein deklariertes Ziel von R&D ist WissenschaftlerInnen, PraktikerInnen, Aktivisten und VertreterInnen der Zivilgesellschaft zusammenzubringen, um gemeinsam an den Bausteinen für eine Degrowth-Gesellschaft zu feilen." 

Dokumente
"Wachstum im Wandel" Dossier


Externe Links
Research & Degrowth (2012): Degrowth NetzwerkKaputter Link 
Postwachstumsgesellschaft (2012). Blog zur PostwachstumsgesellschaftKaputter Link 

Literaturhinweise
  • Kallis, G. (2011): In defence of degrowth. Ecological Economics 70, 873-880.
  • Miegel, Meinhard (2010). Exit. Wohlstand ohne Wachstum. List: Berlin.
  • Schneider, F., Kallis, G., Martinez Alier, J. (2010): Crisis or opportunity? Economic degrowth for social equity and ecological sustainability. Introduction to this special issue, Journal of Cleaner Production, 18/6, 511-518.
  • Seidl, Irmi, Zahrndt, Angelika (2010). Postwachstumsgesellschaft. Konzepte für die Zukunft. Metropolis: Marburg.
  • Van den Bergh, J. (2011): Environment versus growth – A criticism of “degrowth” and a plea for “a-growth”. Ecological Economics 70, 881-890.